DER VICE GUIDE TO START A ROCK BAND
Als wir neulich auf dem Hurricane Festival im Coca-Cola Soundwave Zelt herumstanden und uns die Gewinner von diesem gigantischen Newcomer-Wettbewerb ansahen, der anscheinend der größte in Europa ist, haben wir die tiefen Falten und den ernsten Ausdruck in ihren Gesichtern gesehen, während zweierlei in uns vorging: Einerseits erfüllte uns Mitleid ob des steinigen Weges, den diese Nachwuchs-Brut hinter sich hat. Denn die zehn Bands auf dem Hurricane waren die Sieger der 20 Bands, die auf dem Rock am Ring gegeneinander angetreten waren, welche wiederum aus 1200 Bewerbern (!) hervorgegangen sind, die zuvor durch Jury und Online-User-Voting ausgesiebt wurden. Und andererseits erinnerte uns das an unsere glorreichen Tage, in denen wir mit vierseitigen Gitarren und einem kaputten Schlagzeug im chaotischen Zimmer eines Freundes für den Auftritt unserer „Band“ geprobt haben. Wir wollten uns spontan mitteilen und haben deswegen einen Guide für alle Musiker zusammengestellt, der euch die wichtigsten Punkte erklärt, wenn es darum geht, eine Rockband zu starten.
DER ANFANG
Aller künstlerischer Ausdruck hat mit der tief im Menschen verwurzelten Scham zu tun. Ob diese nun aus dem Gefühl der Nacktheit nach dem Rausschmiss aus Eden oder aus den schrägen Blicken des Nachbarn, der gerade seinen Müll rausbringt, beim Anblick deiner grünen Haare resultiert, ist dabei gleichgültig. Worauf es ankommt, ist, mit diesem Stadium angemessen umzugehen.
Die soziale Barriere oder gemeinhin auch Schiss genannt, muss zuerst einmal überwunden werden und in einem rebellischen, selbstzerstörerischen und furiosen Akt als solche bezwungen werden. Das schafft ihr, indem ihr erst einmal ein Konzert zu einem Zeitpunkt spielt, wo ihr dazu eigentlich noch gar nicht bereit seid, oder eine schrecklich klingende Aufnahme veröffentlicht, deren Cover Artwork aus der Feder eures Bassisten stammt (oder seiner Freundin) und das euch nicht erst in zehn Jahren peinlich sein wird, sondern euch schon im Moment seiner Entstehung die Schamesröte ins Gesicht treibt.
Mit diesen selbstlosen, kettensprengenden, der Kunst devot ergebenen Aktionen und dieser Einstellung, seid ihr dem, was Rock and Roll bedeutet, schon ein großes Stück näher gekommen.
Entgegen allem seichthirnigen Geschwätz ist der Name der Band das Allerwichtigste. Er muss feststehen, bevor auch nur eine einzige Note von einem eurer Instrumente erklungen ist. Der Name ist es, der die Band zusammenhält, denn bei unsicheren Namensverhältnissen oder gar wechselnden Namen kann eure Band nichts anderes tun, als sofort auseinander zu fallen.
Wie die Farben einer Gang oder die geheimen Blutrituale der Mafia ist der Name ein heiliges Territorum, ein Totem, um den sich viele Leute unter Umständen jahrelang, mit immensen Kosten und vielen blauen Augen streiten. Vor Gericht und so, ihr wisst, was wir meinen.
Bei einer Rockband ist der Name und die ganze Angelegenheit darum herum anders geartet als im Rest der Musikwelt. Deswegen solltet ihr euch auch folgende Gedanken unbedingt machen, denn sie sind essentiell.
Wie sieht der Name geschrieben aus, ist er symmetrisch? Ein Anagramm? Hat er seltsame Buchstabenfolgen? Wie sollte die Schrift dazu aussehen? Denkt an T-Shirts und Sticker, Flyer und Plakate mit eurem Bandnamen neben anderen Bandnamen und erkennt die Wichtigkeit.
Klingt der Name dumm, wenn man ihn laut ausspricht? Verstehen ihn die Leute in einem lauten Pub, wenn ihr ihn ins Mikrofon nuschelt? Hat der Name eine doppelte oder eine peinliche Bedeutung in der Sprache eines Landes in das ihr unter Umständen einmal kommen könntet? Warte mal, so weit seid ihr aber noch gar nicht.
Übung ist wichtig, aber es ist nicht alles. Ihr solltet zuerst einmal wissen, wie man die Instrumente in der Hand hält und sie nicht jedes Mal nach der Zigarettenpause, von denen ihr viele einlegen solltet, miteinander verwechseln.
Aber seid euch bewusst, dass Übung auch nur die halbe Miete ist. Der Militärtheoretiker Carl Von Clausewitz hat während der napoleonischen Kriege festgestellt, dass die revolutionären Truppen von Bonaparte so erfolgreich und präzise waren, weil sie ein sehr bestimmtes Gefühl dafür hatten, wofür sie kämpfen.
Es ging um eine Ideologie, ein Ziel und ein höheres Gut, was auch immer das sein mag, es muss euer ständiger Fixpunkt sein, viel deutlicher als die Poster an den Wänden in eurem Proberaum. Das mag in eurer heutigen, wertfreien und hedonistischen Welt schwer vorstellbar sein, kann aber durch Selbsthypnose erreicht werden.
Apropos Proberaum, es wird immer Scheiße sein, einen zu finden und ihr werdet immer etwas daran auszusetzen haben, also kommt klar.
DER SOUND
Viele Leute reden über den Sound von Bands auf Konzerten und Aufnahmen. Sie reden darüber auf Symposien, in Magazinen, bringen Bücher darüber heraus und nerven Leute damit auf Parties, während sie unzählige Erdnussflips verschlingen.
Es ist wahr, dass Feuchtigkeit eurer Ausrüstung schadet und ihr sie deshalb nicht im Proberaum in einem alten Bunker stehen lassen solltet, weil ihr dann irgendwann gar keinen Sound mehr haben werdet. Es ist nur eingeschränkt wahr, dass Technik-Nerds helfen. Sie werden an euren Gitarren herumschrauben, Kabeladapter auftreiben und Equalizerprogramme auf ihrem Computer haben. Dafür brauchen sie für alles extrem lange, es entstehen die ganze Zeit unvorhergesehene technische Schwierigkeiten, die sie euch dann erklären wollen und die Versagensquote eines Technik-Nerds liegt bei exakt 51 Prozent.
Was die einzig verlässliche Faustregel ist, bleibt die Tatsache, dass ein guter Sound auf einem Konzert oder einer Aufnahme reine Glückssache ist.
Die Sache mit der Karriere im Musikgeschäft gestaltet sich in den heutigen Tagen schwierig. Weil es unzählige Abgesandte der Superreichen in der Menge gibt, die so unendlich viel bessere Connections haben als du. Und außerdem ist es eine Furcht einflößende und demütigende Erfahrung, von den Mainstream-Medien vermarktet zu werden.
Die Zeiten, wo passionierte Fans die Texte, die Cover Artworks, den Kleidungsstil der Band und jeden einzelnen Sticker mit der Lupe betrachtet haben, um dem hinterher zu spüren, worum es der Band, der Bewegung, geht, sind vorbei.
Das Aussehen und das ganze Drumherum von Bands erzeugte früher Subkulturen, die sich an der Ästhetik und der Mentalität ausrichteten, bis der militärisch-industrielle Komplex das Internet erschuf, um genau dieses Phänomen zu zerstören. Jetzt wird die Musik in kleine Kapseln Namens mp3s verfrachtet und die Band wird ihrer Verpackung beraubt. Die Bedeutung einer Band wurde auf ein uniformes myspace-Bild und ein paar Piepser aus dem iPod reduziert. Das ist offensichtlicherweise eine Verschwörung der missmutigen elitären Kaste, um eine der letzten Formen des freien Ausdrucks in der westlichen Welt zu demontieren.
Deshalb gilt es, sich in die frustrierende Unterwelt der privaten Ein-Mann-Labels zu begeben, die mit einem Bierkasten als Schreibtisch und einem Briefkasten geleitet werden. Das einzige, was es dabei zu beachten gilt, ist, dass ihr eines mit einem coolen Logo erwischt.
Wenn ihr jetzt inspiriert seid, dann haltet euch unter www.coke.de darüber auf dem Laufenden, wann die ganze Sache nächstes Jahr wieder losgeht.


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