Die deutsche Designerin Wibke Deertz gründete im Jahr 2000 A.D.D und ist seitdem der aufsteigende Stern in der deutschen und internationalen Modewelt. Ihre Klamotten sind jetzt nicht pompös oder übermäßig high-fashion, aber dennoch verdammt klug. Eigentlich studierte sie Bildhauerei in den Niederlanden und scherte sich niemals viel um Mode. Doch nun bereist sie die Welt, genießt fremde Kulturen und atmet deren Inspiration ein. Fast schon zu schön um wahr zu sein...
Für euch Mädels ist es aber sehr traurig, dass sie erst kürzlich auf Menswear umstieg und ihren ersten Laden in der ewig coolen Kastanienallee, gegenüber vom Hipster-Jeansladen, neben dem coolen Libanesen und der nicht ganz so coolen Trommelbar eröffnete: A.D.Deertz—wenigstens habt ihr nun einen Grund, euren Freund zum Klamotteneinkaufen zu zwingen! Kurz nachdem Wibke aus Bangkok zurückkam, besuchten wir sie in ihrem Atelier, um herauszufinden, warum sie keine Lust mehr auf Damenmode hatte und ob die Welt außerhalb Berlins wirklich so spannend ist, wie wir uns das nie vorstellen können.
VICE: Also Wibke, du designst nun ausschließlich Herrenbekleidung. Gibt es dafür einen bestimmten Grund, oder hast du einfach mehr Spaß daran, dir die Models auszusuchen?
Haha. Nein. Ich glaube einfach, dass es spannender ist, Mode für Männer zu entwerfen. Der Fokus liegt mehr auf den Schnitten, den Materialien und dem Farbgebrauch. Du hast nicht so viel Freiheit wie in der Frauenmode, aber gerade das finde ich herausfordernd. Ich habe früher nur für Frauen designed und dann eine Unisex-Kollektion gemacht und jetzt denke ich, dass die Zeit reif ist, ausschließlich Männermode zu machen.
Freut mich, dass du dein Ding gefunden hast! Steht ADD jetzt wirklich für Attention Deficit Disorder?
Ja, ernsthaft. Als ich mein Label mit einer Freundin gründete, war ADS gerade überall in den Medien und fast so etwas wie ein Trend. Meine Freundin meinte, „Ich habe mich testen lassen und habe ADS und du bestimmt auch.“ A.D.Deertz nennen wir es, seit wir ausschließlich Männermode machen.
Was ist das für ein Gefühl, deinen eigenen Flagshipstore in Berlin zu haben?
Es ist der Wahnsinn, für meinen eigenen Laden zu entwerfen.
Warum verbringst du die Hälfte deiner Zeit in Bangkok?
Ich verbringe gerne Zeit außerhalb von Berlin und momentan ist das eben Bangkok, wo ich mein Studio habe, entwerfe und produziere. Die Leute und die Atmosphäre dort sind toll. Ich arbeite mit allen Angestellten zusammen und morgens singen wir, machen Gymnastik und diskutieren über thailändische Sprichworte. Es ist fast so, als würden sich die Ruhe und ein leicht asiatischer Touch in meinen Designs niederschlagen. Also ich mache jetzt natürlich keine Bambushüte und Drachendesigns, aber unbewusst denke ich schon, dass es sich in den Details, Farben und Stoffen niederschlägt. Aber ich denke auch irgendwie, dass ich in zwei Jahren bestimmt wieder genug von Thailand haben werde und dann woanders hin will. Vielleicht Afrika, wer weiß? Das wäre bestimmt lustig.
Ich denke mal, dein Atelier ist kein Sweatshop, aber hast du so was dort mal gesehen?
Nein, nicht so krass wie im Fernsehen, aber ein paar kleinere, die waren echt verrückt. In Hanoi gibt es einen erfolgreichen Schneider mit Massen von Läden und er hatte in einem riesigen Lagerhaus die perfekte Location für einen gigantischen Sweatshop, hat aber am Ende doch nur ein Viertel des Ladens genutzt, weil es ihn nicht glücklich gemacht hat. Er wollte, dass ich seine Sachen anprobiere, weil er die hässlichen (aber gut genähten) Sachen mal an einer Frau aus dem Westen sehen wollte. Ich liebe es thailändische Fabriken anzuschauen, wo sie nähen, drucken, weben und färben. Die Maschinen haben echt was halluzinogenes an sich. Ich arbeite in kleinen Workshops oder mit einzelnen Leuten, aber es ist großartig, mal etwas anderes zu sehen.
Das klingt nett, aber du arbeitest trotzdem unter extremen Umständen, oder?
Definitiv unter extremen Temperaturen. In Hanoi habe ich ganz schon extreme Sachen erlebt, als wir zum Beispiel Tonnen von Stricksachen mit einem einzigen Roller durch die Gegend fuhren.
Aber du bist in Washington DC aufgewachsen? Das war der ziemliche Gegenentwurf zu deinem heutigen Leben, oder?
Oh ja, DC. Das American High School-Leben, haha. (Sie wird ein wenig rot.)
Oha, du wirst rot! Gibt es interessante Geschichten, von denen wir wissen müssten?
Keine Geschichten, die ich dem Vice erzählen würde! Damals war es schon lustig, aber ich will niemals dorthin zurück. Wobei, man sollte nie, „nie“, sagen...
Was ist das für ein Gefühl nach ein paar Monaten Asien wieder zurück nach Berlin zu kommen?
Ich drehe total durch wenn ich wieder unter Menschen komme und überall Partys, Clubs und laute Musik um mich herum sind. Ich überfresse mich dann jedes Mal an deutschen Käsebrötchen und vermisse dann das asiatische Essen.
NINA BYTTEBIER
"...morgens singen wir, machen Gymnastik und diskutieren über thailändische Sprichworte" - haha, wunderbar! Well done, kids!
Kommentiert von: Rainer | 14. Juli 09 um 17:53 Uhr